Ein Herz für die Schwarzen
PATER BERNHARD ALEXANDER HUSS (1876 – 1948)Max Tau schrieb einmal, es gehöre zu den Geschenken des Lebens, dass es Menschen gebe, bei denen man sich ganz zu Hause fühle, weil man mit ihnen schweigen könne. Pater Bernhard Huss war ein Mann, der schweigen konnte; mit dem man gerne schwieg; der zu vielem schwieg; dessen Schweigen wohltuend und gut war. Er war aber auch ein Mann, der das gesprochene Wort beherrschte, der auf unzähligen Tagungen und Konferenzen das Wort ergriff und kühn und mutig wie kaum ein anderer
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| P. Bernhard Huss CMM |
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Zeitgenosse sich für Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde einsetzte, vor allem für die Schwarzen im südlichen Afrika. Er war Sozialreformer im Stile Kettelers, Kolpings, Sonnenscheins. Sein Äußeres war unscheinbar: klein, auf einem Auge blind, fast drei Viertel seines Erwachsenenlebens taub! Dennoch, er komponierte, dirigierte, schrieb Bühnenstücke, veröffentlichte Schulbücher und publizierte Artikel zu diversen Themen – zeitweise in 25 Zeitungen und Magazinen. Geboren wurde er am 24. Februar 1876 in Oedheim bei Heilbronn. Sein Vater war Konvertit; von Beruf Kunstschreiner. Die Eltern starben innerhalb von zwei Wochen als Alexander (Taufname) achtzehn Jahre alt war und kurz vor dem Abitur stand. Ein Jahr später trat er in das erst 1882 gegründete Missionskloster Mariannhill in Südafrika ein! Am 27. Dezember 1900 wurde Huss zum Priester geweiht. Eine Woche danach war er schon unterwegs zur Missionsstation Hardenberg – am Fuße der Drakensberge gelegen. Hier lebte er wie ein Eremit, was Kost und Behausung anlangte; hier holte er sich ein Ohrenleiden, das zu seiner späteren Taubheit führte; hier arbeitete er mit viel Eifer, „um Seelen für Christus zu gewinnen“, wie man damals zu sagen pflegte. 1908 übernahm Pater Huss die Keilands-Mission in der Kap-Provinz. Jetzt musste er (neben Englisch, Zulu und Sesutho) auch noch Xhosa sprechen lernen, eine Bantusprache mit vielen Klickslauten. Weil Keilands häufig von Dürreperioden heimgesucht wurde – und infolge dessen Hungersnot herrschte – find er an, den Schwarzen landwirtschaftliche Vorträge zu halten; mehr noch, er betrieb selbst eine Musterfarm und führte vor, wie man pflügt, sät, künstlich bewässert, Ernten aufbewahrt usw. Er hatte mit seinen „Versuchsfeldern“ beachtliche Erfolge. Doch die schwarzen Landwirte zeigten zunächst wenig Lust, es ihm nachzutun. Ein Xhosa-Häuptling bemerkte denn auch zum Mariannhiller Pater: „Was du tust Baba, ist prima. Mach so weiter! Vielleicht kannst du im nächsten Jahr ein bisschen mehr anbauen. Dann reicht es für uns alle, auch für unsere Kinder …“ In diesen Jahren lernte Pater Huss etwas Wesentliches: Bei der Missionierung Schwarz-Afrikas braucht es Geduld, unwahrscheinlich viel Geduld; und noch mehr: Liebe zu den Menschen! Bald „erfand“ er ein neues Ochsenjoch, eine Viehkur gegen Seuchen und eine Methode zur Rotation der Felder. Hauptamtlich blieb er Seelsorger, und das tat er mit viel Fleiß und großen Opfern. Sogar ein Lepra-Asyl wurde von ihm mitbetreut. Auch ließ er Schulen bauen und draußen auf den Außenstationen Versuchsfelder anlegen. 1915 wurde Pater Bernhard Huss an die Missionszentrale nach Mariannhill zurückgerufen – diesmal als Rektor des neuen Lehrerseminars. Er unterrichtete neben Religion auch die Fächer Psychologie, Musik und Landwirtschaft; er schrieb Dramen und Komödien, komponierte Lieder für die Klassenchöre und ermunterte die Studenten zum Ackerbau: „Feldbestellung ist eine Kunst! Sie ist der erste Schritt zur Zivilisation. Sie gibt Gesundheit, Freizeit, Freude – für Geist und Körper; sie hat einen noblen Einfluss auf den Charakter eines Menschen.“ 1925 fing Pater Huss an, regelmäßig für eine (englischsprachige) Wochenzeitung zu schreiben; alle vierzehn Tage veröffentlichte er einen Fachartikel – fast 25 Jahre lang. Kaum ein aktuelles Thema, das er nicht aufgegriffen hätte! Immer häufiger hörte man jetzt querland seine Parole: „Bessere Felder, bessere Häuser, bessere Herzen!“ – Er wusste, dass man keinen Menschen bessern kann, wenn man ihn nicht menschenwürdig leben lässt. Er kannte das Gandhi-Wort: „Fragt dich ein Hungernder: Wo ist Christus? – dann gib ihm Brot und sage: hier!“ Gandhi, der als junger Rechtsanwalt bei Durban/Südafrika gelebt hatte, ehe er in Indien den großen Freiheitskampf führte, war übrigens nach einem kurzen Besuch in Mariannhill von Pater Huss begeistert: „Wäre ich Ihnen früher begegnet, ich glaube, ich wäre auch Christ geworden!“ Der Mariannhiller Missionar Bernhard Huss war mehr, viel mehr als Sozialreformer. Er war immer und zuerst Priester, Glaubensbote. Oft und oft pflegte er seinen schwarzen Studenten zuzurufen: „Bindet euren Karren an einen Stern! Zielt hoch, habt Vertrauen – und tut selbst etwas für euer Land!“ Das Wort „Hilfe zur Selbsthilfe“ hat Pater Huss schon in den 20-er Jahren benützt, lange vor Misereor und staatlichen Entwicklungsdiensten. Eine Zulu-Studentin sagte später von ihm: „Pater Bernhard hat mich das Gutsein gelehrt: er hat es mir vorgelebt!“ Ab 1930 – nach einer mehrmonatigen USA- und Europareise – nahm Pater Huss seine Arbeit auf der Missionsstation Mariazell/Transkei auf. Hier gründete er ein zweites Lehrerseminar und förderte die Mittelschulen. Von hier aus predigte er das „Soziale Evangelium“; von hier aus schuf er Volksbanken und Genossenschaften. Die Intellektuellen spornte er an, sich geistig zu betätigen. Dr. Vilakazi, der erste Zulupoet, ist ein Schüler von Bernhard Huss gewesen. Auch die erste schwarze (kath.) Krankenschwester sowie die erste schwarze (kath.) Medizinstudentin waren ehedem „Huss-Schülerinnen“. Der Regierung von Südafrika schrieb Huss schon in den 20-er Jahren drei Thesen ins Stammbuch: 1. Es gibt keine Lösung der Probleme ohne Gerechtigkeit; deshalb muss das Ackerland neu verteilt werden. 2. Nichts darf gegen den Willen der Schwarzen geschehen. 3. Das Gute der Bantukultur muss erhalten bleiben. Aber in Südafrika standen allenthalben die Zeichen auf Sturm. Als Pater Bernhard Huss am 5. August 1948 in Mariannhill starb, waren die „Nationalen“ bereits in den Startlöchern, um Südafrika die Apartheidpolitik aufzuzwingen. Im Nachruf einer südafrikanischen Zeitung hieß es: „Er (Huss) war der bedeutendste Sachverständige für Eingeborenenfragen in Südafrika.“ Einer seiner Mitbrüder meinte: „Mariannhill hat einen großen Missionar verloren, Südafrika einen großen sozialen Wegbereiter – groß, weil er die Aufgaben und Fragen des Landes im Lichte des ewigen Gottes betrachtete.“ Was Pater Huss so gerne seinen Schülerinnen und Schülern ins Kollegheft schrieb, hat er selbst praktiziert: Lebe und arbeit so, dass du beim Sterben die Welt in einem besseren Zustand zurück lässt, als du sie bei deiner Geburt angetroffen hast! Zeitlebens hat Pater Huss sein Herz in die Hände genommen und es täglich denen geschenkt, die ihm begegneten und zu denen er gesandt war.
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