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Die Nigg-Brothers aus Liechtenstein

BRUDER GREGOR FRANZ (1838 – 1886)
BRUDER GERMAN JOHANN (1841 – 1890)
BRUDER CORNELIUS FLORIAN (1851 – 1914)

Dass fünf Geschwister Haus und Hof verlassen, um sich der afrikanischen Mission zur Verfügung zu stellen, kommt nicht oft vor; dies meinte Bruder Nivard Streicher, der berühmte Klosterarchitekt von Mariannhill, im Hinblick auf die Geschwister Nigg aus Triesen in Liechtenstein. Drei Niggs schlossen sich Mariannhill an, ein vierter wurde Jesuit; und eine Schwester landete – nach ein paar Umwegen – ebenfalls in Mariannhill.
Bruder Germanus Nigg auf der Totenbahre - Bruder Cornelius und ein zweiter Mönch halten Totenwache
Bruder Germanus Nigg auf der Totenbahre - Bruder Cornelius und ein zweiter Mönch halten Totenwache
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Von den drei Trappisten-Missionen von Mariannhill ist hier die Rede. Über ihre „Berufung“ gibt es ein nettes Geschichtchen. Die drei, alle Maurer von Beruf, hatten ihren Weinberg (in der Heimatgemeinde) mit einer soliden Mauer umgeben, wahrscheinlich, um ihn vor Regengüssen besser zu schützen. Dabei müssen sie wohl einen Zufahrtsweg blockiert haben. Das wiederum rief den Zorn einiger Bürger hervor. Sie forderten die Niggs über die Gemeindeverwaltung auf, die Mauer wieder abzureißen. Doch diese ignorierten das Ultimatum, verschanzten sich im Wald und feuerten ein paar Schüsse ab, als eine Gemeindedelegation gegen sie auszog. In der folgenden Nacht sollen die Niggs fluchtartig ihre Heimat verlassen und einige Zeit später im Trappistenkloster Mariastern bei Banjaluka/Bosnien um Aufnahme gebeten haben. Das war im Frühjahr 1883. Der Gründer von Mariastern, Franz Pfanner, hatte mittlerweile schon in Südafrika begonnen; aber er war rechtlich noch Prior des Klosters in Bosnien. Daher nahm er sich auch das Recht, im Mai 1883, als er in Banjaluka vorbei kam, 30 Brüder, Novizen und Postulanten für seine Neugründung in Natal auszusuchen. Die drei Niggs waren unter den Erwählten. Sie schienen dem Vorarlberger geradezu wie geschaffen für die Missionsarbeit in Natal; denn was hätte er jetzt mehr gebraucht als tüchtige Maurer?
Ihr erster Einsatz: Unterkünfte bauen, ferner Werkstätten, Schulen, einen Steindamm für die Wasserkraftanlage sowie verschiedene Brücken über reißende Bäche. Eigentlich wurde in den Gründungsjahren kaum etwas Solides erstellt, an dem die Nigg-Brothers nicht beteiligt gewesen wären.
Bruder Gregor Nigg, der älteste der drei Liechtensteiner, war schon 45 Jahre alt, als er in Mariannhill eintraf. Er war der Erste, der es wieder „verließ“: Er starb dreieinhalb Jahre später - am 26. November 1886 - weil er das „afrikanische Klima nicht vertragen“ (Bruder Nivard) konnte. Ein aufrichtiger und rechtschaffener Mann, gerade und gerecht, fleißig und fromm.
Bruder German, der zweitälteste von den Dreien, führte jetzt das Bauteam an. „Kaum war die Mühle in Mariannhill in Gang, so wurde Reichenau gegründet (1886). Bruder German und Bruder Cornelius gingen hinauf an den Fuß der Drakensberge, 200 Kilometer von der Küste entfernt. Die ersten Bauten am Polela (an diesem Fluss liegt Reichenau) waren kaum fertig gestellt, als die Baukarawane nach Mariathal, einer weiteren Missionsstation, beordert wurde, um dort die ersten Steinbauten zu errichten. Von da ging es zum Kirchbau nach Mariannhill (1887). Die Fundierung der Kirche bot infolge des ganz unzuverlässigen Untergrunds große Schwierigkeiten, und da waren die zwei Brüder mit ihrem unerschütterlichen Gleichmut und ihrer Arbeitsfreude die verlässlichsten Arbeiter. Wie viele hundert Fuhren Steine haben sie in die Fundamente hineingearbeitet! Und wie gewissenhaft haben sie ihre Arbeit gemacht – auch nach 27 Jahren noch kein einziger Riss!“ –
Ein besseres Zeugnis über das Fachkönnen der Brüder Nigg hätte Bruder Nivard kaum geben können. (Aus einem Bericht vom Jahr 1914)
Die Klosterkirche von Mariannhill war im Rohbau nahezu fertig und Bruder German gerade mit der Böschungsmauer an der Straße beschäftigt, als ein schlimmes Unglück passiert: Zwei schwere Steinplatten rutschten versehentlich die steile Böschung hinunter und zerschmetterten dem Bruder das linke Bein. „Jetzt hat es ma da Fuß abgschlaga!“ sagte er zu dem rasch herbei eilenden Bruder Nivard, der ihn sofort mit Hilfe eines Schwarzen zum Spital transportierte. Frater Hektor (ein tüchtiger Arzt, vor seinem Klostereintritt als Dr. Grötschel tätig) traf sofort alle Vorbereitungen zur Amputation. Dazu brauchte er unbedingt Eis. Doch woher Eis nehmen – im heißen Südafrika des letzten Jahrhunderts? Bruder Nivard wusste Rat. Er rannte im Laufschritt nach Pinetown, nahm dort den nächsten Zug nach Durban, erstand sich eine Kiste Eis, eilte zurück zum Bahnhof, und schleppte dann die schwere Last, auf dem Kopf von Pinetown gen Mariannhill – eine volle Wegstunde. „Den Marsch habe ich lange nicht vergessen“, erinnerte sich Bruder Nivard später. „Trotz Verpackung fing das Eis in der Mittagshitze an zu schmelzen, und das eiskalte Wasser rieselte mir den Nacken hinunter, sodass ich zuletzt die Schuhe voll bekam. Immerhin brachte ich noch genug Eis heim, und die Operation verlief ganz ‚normal’ …“
Die Operation verlief gut; doch als sich nach einem Monat am Beinstumpf noch keine Haut bilden wollte, versuchte Frater Hektor/Dr. Grötschel, dem Pater Leonhard zwei Hautfleckchen zu entnehmen und sie an der amputierten Stelle Bruder German aufzupflanzen. Eine Haut-Transplantation würden wir heute sagen. Leider klappte es nicht; die fremde Haut wuchs nicht an. Als Abt Franz Pfanner davon hörte, soll er in seiner humorvoll launischen Art gesagt haben: „Alles klar! Die Haut eines Paters verträgt sich eben nicht mit der eines Bruders!“ Und weil Bruder Nivard gerade dazukam, sagte Pfanner zu Frater Hektor: „Pack doch den da am Wickel; die beiden Brüder verstehen sich auch sonst recht gut!“ So wurde also eine zweite Haut-Transplantation vorgenommen, und dieses Mal, so witzelte Bruder Nivard später, hatte die „Schusterei“ Erfolg. Fünf six-pence-große Hautfleckchen wurden verpflanzt, und die spöttelnden Mitbrüder fragten sich untereinander: „Wie mag das Bloß am Jüngsten Tag gehen, wenn der eine mit der Haut des andern herumläuft!?“
Die Wunde verheilte, doch einige Zeit später war Frater Hektor der Meinung, das unterhalb des Knies amputierte Bein müsse erneut ein Stück verkürzt werden. Damit war Bruder German nun gar nicht einverstanden. Er holte sich beim Abt Rat. Pfanner berief sich auf den Arzt: „Der Doktor sagt, wenn Sie nicht nochmals amputiert werden, so ist Gefahr für Ihr Leben …“
Nach längerem Zögern sagte der Bruder zum Abt: „Ziehen wir’s Lösle!“ Daraufhin ließ Abt Franz zwei Zündhölzchen bringen, ein kurzes und ein langes. Das kürzere ziehen, sollte heißen:
erneute Amputation. Noch einmal fand Bruder German eine Ausrede: „Ziehen Sie das Los, Vater Abt. Wie Sie entscheiden, so soll es dann sein!“
Pfanner zog das Los – es war das längere Zündhölzchen. Das hieß, es würde nicht mehr amputiert werden. Erstaunlicherweise – so Pfanner in seinen Erinnerungen – heilte das Bein; die Entzündung ging ganz zurück. Bruder German konnte bald wieder laufen – freilich nur mit Hilfe von Krücken. Zu seinen Maurerarbeiten konnte er nicht mehr zurückkehren; er kam in die Flickschneiderei. Er – zeitlebens im Freien zu arbeiten gewohnt – lebte jetzt in die vier Wände verbannt, jedoch nicht mehr lange. Knapp zwei Jahre später starb er; es war Sonntag, der 12. Januar 1890.
Zurück blieb Bruder Cornelius; er führte das Werk seiner beiden Brüder fort. Bruder Nivard, der ihm nach seinem Tod einen wunderschönen Nachruf schrieb („Der letzte Nigg“), hielt ihn für einen musterhaften Ordensmann: „Ich glaube nicht, dass er ein einziges Mal durch seine Schuld bei einer regulären Übung fehlte. Er war meines Wissens all die vielen Jahre (31 Jahre im Orden!) kein einziges Mal krank. er war mäßig im Essen und Trinken – trotz der schweren Arbeit. Bei allen Wasserwerk-Anlagen war er Vorarbeiter und meine zuverlässige Stütze. Der Damm, der Mühlenbau und das Turbinenpumpwerk in Mariannhill, die Mühlenanlagen in Reichenau und Centocow, zwei Wasserkraftanlagen in Mariathal, Talsperre und Mühle in Lourdes, Damm und Mühle in Sankt Michael sowie die große Dammanlage für Mühle und Landbewässerung in Mariazell – sie alle sind Zeugen seines Fleißes.“
Sozusagen die Krönung seiner Maurerarbeiten waren die Kirchen in Telgte- und Reichenau-Mission, vor allem der Turm der letztgenannten. Er war bis zur Spitze aus Blau- und Basaltsteinen errichtet; ein Meisterwerk besonderer Art!
Über seine letzte Arbeit, die Wasserversorgungsanlage in Mariathal für das Schwestern-Sanatorium, schreibt Bruder Nivard: „Eines Samstagabends ritt Bruder Cornelius vom Bauplatz zur Station hinüber und wurde dabei von einem eiskalten, mit Hagel vermischten Gewitterregen überrascht. Er erkältete sich, bekam hohes Fieber und hat sich davon nicht mehr erholt. Er starb, erst 63 Jahre alt, am 11. Juni 1914 – von seinen vier Geschwistern oben im Himmel schon längst erwartet. Dort im Himmel ist sicher jeder Stein, den er gelegt, und jeder Schweißtropfen, den er in der afrikanischen Sonne vergossen hat, verzeichnet; dafür erhält er seinen Lohn!“
Maria Nigg, die leibliche Schwester der Nigg-Brothers, ging auf Empfehlung Franz Pfanners 1883 ebenfalls in die Südafrika-Mission; sie trat bei den Menzinger Schwestern in Umtata ein, verließ aber den Konvdent wieder. Bei ihrem Bruder Theodor fand sie ein neues Arbeitsfeld, als Missionshelferin. Um 1895 bewarb sie sich, schon 52 Jahre alt, bei den von Pfanner gegründeten Mariannhiller Missionarinnen vom Kostbaren Blut. Als Sr. Polykarpa legte sie 1897 ihre Ordensprofess ab. Bruder Nivard schrieb über sie: „Sie gab durch ihre unermüdliche Arbeitsfreude, durch ihren Gehorsam und ihre ganz außerordentliche Liebe zur Armut ein herrliches Beispiel für ihre Mitschwestern. Dabei war sie resolut wie ein Mann; sie kannte keine Furcht.“
Sr. Polykarpa starb am 24. September 1908 und ruht auf dem Mariannhiller Friedhof – dort, wo auch ihre drei Brüder die letzte Ruhe fanden.
Der vierte Bruder, Theodor Nigg, war Jesuit geworden und als Pionier bei den Anfängen der „Sambesimission“ dabei. Ein hervorragender Mann, der für alles sorgte, zeitweise auch als Koch des Gründerteams. Und wenn den einen oder anderen Jesuiten die Schwermut überkam, griff Bruder Theodor zur Ziehharmonika. Selbst König Lobengula, den er in Gubulaway (Alt-Bulawayo) kennen lernte, lauschte gerne, wenn der Liechtensteiner spielte. In der „Sambesimission“ (heute Simbabwe und Sambia) erlebte Bruder Theodor Aufregendes und Exotisches. Es war ein Abenteuerleben, voller Strapazen und Mühen. 1884 kehrte er nach Dunbrody zurück (auf die Station, die einst Pfanner gegründet hatte, dann aber aufgab, um in Natal neu zu beginnen); um 1889 ging er nach Keilands-Mission. Dort starb er, 44 Jahre alt, am 10. August 1891.
Bruder Nivard schloss seinen Bericht über den „letzten Nigg“ mit einem aufruf: Mögen die fünf Niggs im Himmel den lieben Gott bitten, den gleichen Seeleneifer und Opfersinn für die Mission in Afrika zu wecken und ihn in recht viele Seelen einsenken …
Ganz ohne Wirkung war das Bittgebet Bruder Nivards und der Nigg-Brothers wohl nicht. Denn ein anderer Sohn der Gemeinde Triesen in Liechtenstein schloss sich den Mariannhillern an: Bruder Stefan Frommelt; er wirkt seit vielen Jahrzehnten in der Transkei. Er und viele Liechten-
steiner gedachten der Nigg-Brothers im Jubiläumsjahr Mariannhills, 1982. Gebe Gott, dass ihr Andenken nicht nur bei den Missionaren von Mariannhill gewahrt, sondern dass ihr Leben und Wirken auch künftigen Generationen Anstoß zu missionarischem Handeln werde …

 
 
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