Annehmen, zuhören und berühren
Die Situation im St. Mary’s Krankenhaus in Mariannhill verschlechtert sich von Tag zu Tag – Die Pflegekräfte versuchen ihr Bestmögliches, aber oft können sie nur noch hilflos zusehen
In der Ambulanz hat Aids dazu geführt, dass ich mich minderwertig fühle. Nicht minderwertig wegen meines medizinischen Wissens, sondern weil ich Patienten sehe, aber nicht wirklich helfen kann“, sagt Dr. Koranteng, der in der Notfallaufnahme des St. Mary’s Hospitals in Mariannhill arbeitet. In der Gegend um Mariannhill scheint sich die Situation dramatisch zuzuspitzen. In der Provinz KwaZulu Natal sind nach offiziellen Angaben 1,8 Millionen Menschen infiziert, das sind 19 Prozent der Gesamtbevölkerung der Provinz. Während offizielle Statistiken berichten, dass 38 Prozent aller schwangeren Frauen in der Provinz infiziert sind, haben Tests an schwangeren Frauen im Schwangerschaftsvorsorgeprogramm im Krankenhaus in Mariannhill eine Infektionsrate von 51 Prozent bei den getesteten Frauen festgestellt. Was heißt das konkret für die Arbeit im Krankenhaus? Es meint zuerst einmal eine Zunahme an sehr kranken Patienten, aber auch eine Zunahme an verzweifelten Angehörigen, die sehr unter den emotionalen und finanziellen Belastungen leiden. Zur Zeit kommen täglich allein etwa 160 Menschen zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus, 230 Patienten werden stationär versorgt. Doch die Zahl der Betten reicht bei weitem nicht aus. Patienten liegen auf Bahren in der Notaufnahme und auf Bänken im Gang. Die Infektionskrankheit prägt das Leben im Krankenhaus, die Behandlung der Patienten und die Belastung des Personals. Unaufhaltsam hat die Krankheit das Leben aller verändert. Mitarbeiter des Pflegeteams berichten: „HIV hat alles verändert. Es hat den Zugang zum Patienten verändert, die Art wie man Dinge tut. Wenn ich heute Patienten behandle, bin ich sehr viel vorsichtiger und nehme Vorsichtsmaßnahmen”, beklagt Dr. Koranteng. Und Aarti Hiralal, die als Medizinisch-technische Assistentin im Hospital arbeitet, äußert besorgt: „Wenn man über HIV spricht, muss man sehen, wie sich die Zahl der Infizierungen verändert hat. Früher hatten wir einige wenige Tests, die ‘positiv’ waren. Heute haben wir fast ausschließlich ‘positive’ Resultate und das durch alle Altersgruppen, von Kindern bis alten Leuten und vor allen Dingen bei denen, die im arbeitsfähigen Alter sind. Die Zahlen nehmen ständig zu und man beginnt sich zu fragen, ob wir wirklich etwas tun, um den Menschen zu helfen?” Sr. L. Govender, die als Oberschwester in der Ambulanz arbeitet, beklagt: „Früher hatten wir auch Leute, die sehr krank waren. Aber damals wussten wir, was zu tun ist. Im Moment kann man nicht mehr viel machen, wir können sie nur pflegen. Neun von zehn Patienten sind chronisch Kranke mit HIV bedingten Erkrankungen und da ist nichts ,was wir machen können. Es gibt nicht genug Betten, es kommt niemand mit, der nach den Patienten schaut. Viele werden hier einfach zurückgelassen und das macht alles viel schlimmer. Man kann den Patienten einfach nicht die Aufmerksamkeit geben, die sie bräuchten, weil es so viele Patienten gibt und wir sind hier nur so wenige. Die Leute sterben alleine irgendwo auf dem Gang…“ Zur Zeit sind wir 14 Missionsschwestern vom Kostbaren Blut, die als Krankenschwestern, HIV/AIDS-Berater, Pastoralarbeiter, medizinisch-technisches Personal und Projektmanager in St. Mary’s leben und arbeiten. Seit 1997 richtet sich der Schwerpunkt ihrer Arbeit immer mehr auf die Betreuung von Patienten mit HIV/AIDS und unterschiedliche Projekte wurden gestartet, um das Bewusstsein der Menschen für die Krankheit und ihre Übertragung zu steigern und betroffene Familien in der Betreuung von erkrankten Familienmitgliedern zu unterstützen. Im Community Outreach Centre werden seit 1999 Frauen und Männer als freiwillige Krankenhelfer ausgebildet. Zur Zeit arbeiten 250 Freiwillige in 15 Dörfern und unterstützen ca. 800 Patienten und ungefähr 600 Kinder, die als AIDS Waisen oder Pfleger von erkrankten Eltern unmittelbar von der Krankheit betroffen sind. Frieda Mncwabe, eine der engagiertesten „Home based Carer“ berichtet von der Auswirkung von HIV auf die Dörfer: „ Durch HIV/AIDS werden mehr und mehr Leute arbeitslos. Die, die Geld verdienen könnten, sterben und lassen ihre Kinder bei den Großmüttern, die oft zu alt sind, um richtig damit umzugehen. Die Kinder bekommen keine Hilfe bei ihren Schulaufgaben und das Schulgeld wird auch nicht regelmäßig bezahlt. Viele Kinder gehen überhaupt nicht mehr zur Schule. Die Leute fühlen, dass das Leben immer teurer wird. Wir müssen für all diese Beerdigungen bezahlen und wir müssen Geld leihen...“. In einem vom Catholic Medical Mission Board New York durchgeführten Projekt, erhalten infizierte schwangere Frauen, Unterstützung, Beratung und das Medikament Nevirapine, das die Übertragung des Virus von der Mutter aufs Baby während der Geburt mindert. In der Ithemba (=Hoffnung)- Klinik erhalten 40 Patienten in einem Pilotprojekt Anti-retrovirale Medikamente. Und in einer Palliativ- Station mit 19 Betten werden Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit medizinisch und pflegerisch betreut. Täglich erhalten Menschen Beratung und Information über AIDS und werden auf HIV-Infizierung getestet. Während offizielle Statistiken angeben, dass die Zahl der Neuinfizierungen im Jahr 2002 stagnierte, nimmt jedoch die Zahl der Menschen, die an AIDS erkranken ständig zu. AIDS ist nicht mehr nur ein persönliches oder familiäres Problem, sondern bestimmt das Bild der südafrikanischen Gesellschaft, der Wirtschaft und auch der Kirche. Bischof Kevin Dowling, Bischof der südafrikanischen Diözese Rustenburg sieht die Kirche als Leib Christi mit AIDS: „Wir als eine Gemeinschaft der Gläubigen haben AIDS. Es ist nicht so als wäre die Kirche irgendwo ‘da draußen’ involviert in Apostolaten mit Menschen, die HIV infiziert sind, während wir selber nicht betroffen sind. Nein, wir als Gemeinschaft sind unmittelbar betroffen. Sie können es an den Beerdigungen sehen, die wir jedes Wochenende haben. Wir können unsere Augen nicht verschließen. Wir müssen uns selber sehen - uns, die Kirche, als Leib Christi mit AIDS: Die Kirche hat AIDS. Unsere Leute leben, leiden und sterben auf Grund dieser Erkrankung.“ Im Logo des Krankenhauses steht als Motto: “Jesus heilte alle….” Dies ist auch die Einstellung der Schwestern und des Pflegepersonals in St. Mary’s: Heilung zu bringen, da wo physische Heilung nicht mehr möglich ist; durch Annahme, wo ausgegrenzt wird; durch Zuhören, wo geschwiegen wird; durch Berührung, wo Aussatz ist; durch Erklärung, wo Fragen sind; durch Würde und Identität, wo Diskriminierung und Stigmatisierung herrschen. Die Schwestern wissen aber auch, dass es ihnen nicht immer gelingt, aber sie wollen trotzdem nicht aufgeben, gerade dann, wenn die Situation immer schwieriger zu werden scheint. Sr. Silke Andrea Mallmann CPS
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