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Pater Germano Trösch CMM schreibt zum Jahresende 2005 aus Namaacha, Mosambik:

Wieder geht ein Jahr seinem Ende entgegen. In diesem Jahr ist so viel geschehen. Vor allem der Tod großer Menschen hat uns die Grenzen unseres Seins ins Bewusstsein gebracht. Ich möchte diesen Brief an Euch schreiben besonders an einen erinnernd, der mir persönlich nahe stand, obwohl ich ihn nur vom geschriebenen Wort und seiner Spiritualität her kenne: Den Gründer der Communité de Taizé, Roger Schutz – ein Prophet der Einheit, ermordet Mitte August während des Abendgebetes. Zu seinem Begräbnis in Taizé, einem ehemals unbedeutenden Dorf im Burgund – heute für viele ein Begriff, kamen zahllose Freunde, man sprach von 12.000, darunter Präsidenten und andere Staatsmänner, Bischöfe verschiedener Kirchen und vor allem viele Jugendliche, um ihm die letzte ehre zu erweisen. Bei dieser Gelegenheit sagte Kardinal Walter Kasper: „Mit seiner Gegenwart, seinem Wort und seinem Beispiel hat Frère Roger einen Strahl der Liebe und der Hoffnung verbreitet, weit über die Grenzen und Spaltungen dieser Welt hinaus. Als Mensch der Gemeinschaft hielt er in seinem Herzen und in seinem Gebet tiefe Sehnsucht nach Versöhnung wach. Zusammen mit seinen Brüdern der Communité de Taizé wollte er einen Sauerteig der Einheit in die Kirche und die Welt legen.“ (Deutsche Übersetzung aus dem Konradsblatt, Freiburg im B., 37/05, S. 25).
In der Regel von Taizé, die mir Mitte der sechziger Jahre Pfr. Hunkeler schenkte, fand ich oft Inspiration. Sie war kein juristisches Werk sondern eine Quelle tiefgreifender Spiritualität, geschrieben in evangelischer Einfachheit, die unseren offiziellen Kirchen oft fehlt.
Dieses Jahr war auch gezeichnet durch meinen Heimaturlaub. An dieser Stelle Dank an meine Gemeinschaft in Altdorf, meine Familienangehörige und vielen Freunden, auch die Missionare der Hl. Familie, mit denen ich einige unbeschwerte frohe Einkehrtage in Davos verbringen durfte. Ich finde meine Arbeit in Namaacha nicht so streng, dass ich diesen Urlaub notwenig gebraucht hätte, aber es tat mir so gut, einmal abzuschalten, anders zu sehen, andere Ansichten und eine andere Art von Kirche zu erfahren. Gut tut mir das Wissen, dass ich nicht so wichtig bin, schon gar nicht unersetzbar. Denn die Pfarreiarbeit in Namaacha ging ihren Weg weiter auch ohne mich. Dafür herzlichen Dank an Pater Edgar und meine Kollegen aus Mosambik.
So durfte ich erfahren, was Albert Herchenbach so schreibt: „Was ich mir wünsche und was für mich Gemeinschaft bedeutet. Das Wissen um dasselbe Ideal, dasselbe Ziel, das wir haben, dieselbe Aufgabe, für Gott und sein Reich zu arbeiten. Wir sitzen im gleichen Bott und ziehen am gleichen Strang. Das beinhaltet, dass man sich gegenseitig vertraut, auch wenn man nicht weiß, was der andere tut und sagt. Und dass man sich gegenseitig fragt und sich füreinander interessiert.“ (Stadt Gottes, 9/05, S. 11)
Bei meinem Kurzbesuch in Seewen bat mich eine Frau nach der Messe, dass ich doch mal schreiben möchte, was ich so tue in der Pfarreiarbeit. Diesem Wunsch möchte ich nun nachkommen. Täglich haben wir in Namaacha zwei Messen, die sich P. Edgar und ich teilen. Morgens um 6 Uhr in einer Schwesterngemeinschaft (es gibt in Namaacha fünf – von denen vier mit Noviziat) und abends um 18 Uhr in der Pfarrkirche. Von Dienstag bis Freitag morgens um 9 Uhr gehe ich (sofern nicht andere Aufgaben anfallen) auf Hausbesuch zu alten, kranken und notleidenden Menschen. Es geht mir dabei darum, nach ihren seelsorglichen und materiellen Bedürfnissen zu schauen. Samstagvormittag – Tag der offenen Grenze – besorge ich die Post für uns und die CPS-Schwesterngemeinschaft. An den Nachmittagen jeweils um 15 Uhr besuche ich (je nach Bedarf) das Hospital, habe die Messe für die Legio Mariae, gehe zum Beichtgespräch in das Noviziat der Salesianer oder gehe zu weiteren Hausbesuchen. Zwei bis drei Mal monatlich sind auch Versammlungen und Beichthören in einer Schwesterngemeinschaft in Maputo, was ich mit den nötigen Einkäufen verbinde. Natürlich gibt es auch immer mal Unvorhergesehenes wie
Begräbnisse, was mehrmals vorkommen kann.
Zum festen Wochenprogramm gehört auch ein Besuch im Gefängnis (Montagvormittag). Zur mageren Kost der Insassen, bestehend aus Reis, seltener Mais, mit einer Fischbrühe oder Suppe, die jeden Tag um 14 Uhr verabreicht wird, bringe ich für jeden Gefangenen ein Brot mit, das sehr willkommen ist als Aufbesserung zur Ernährung. Übrigens ist ein Pfünder Brot (so sagten wir anno dazumal) für etwa 20 Rappen erhältlich. Im Jahre 2000 war die Zahl der Häftlinge eher gering (um die 20), aber in den folgenden Jahren stieg sie zeitweise bis 70. Inzwischen hat sich die Zahl bei ca. 30 eingependelt. Während ich anfänglich mit dem Beten mit ihnen eher zurückhaltend war, hat es sich inzwischen eingespielt, dass wir nach einem persönlichen Gespräch mit dem Vaterunser schließen. Wobei ich dann auch erkläre, dass nun wer katholisch oder anglikanisch ist, sich mit mir mit dem Kreuzzeichen unsere Begegnung beschließen darf. Immer bin ich erstaunt, wie viele von ihnen von der Bekreuzigung Gebrauch machen. Beileibe sind es nicht nur fromme Leute. Wie viele mögen bei einer Großmutter oder gar Mutter eine Hauskatechese erhalten haben, zu Zeiten als die marxistische Regierung die Religion (zumal die katholische) verniedlichte oder gar verbot. Drei Mal musste ich auch beim Polizeikommando vorsprechen wegen Misshandlung. Inzwischen haben wir eine Kommission Justiça e Paz. Aber ich darf sagen, dass in der Regel das Gefängnispersonal die Gefangenen mit Respekt behandelt. Da können sich die amerikanischen und britischen Kommandos im Irak an unseren Leuten ein Beispiel nehmen!
Im Großen und Ganzen darf man wohl sagen, unser Leben in Namaacha ist ruhig. Es gibt selten Überfälle oder Störungen des öffentlichen Lebens, wie es eigentlich bei unserer sozialen Situation zu erwarten wäre. Zwar redet man oft über die Arbeitslosigkeit, dies besonders der jungen Leute. Auffällig ist ihre große Gegenwart im Grenzrevier, im Basar, auf den Wochenmärkten und in den Bars der Durchgangsstraße. Für viele bleibt als letzte Möglichkeit um zu etwas Geld zu kommen der halboffizielle Schmuggel, hier Mukero genannt. Diebstahl ist für unsere Leute eher ein Akt der Schlauheit. Wird man erwischt, gibt es eben eine Woche oder einige Monate Gefängnis. Auch gibt es Probleme mit Drogenkonsum und Drogenhandel; Letzteres besonders mit der Beteiligung illegaler (d. h. nicht registrierter) Flüchtlinge.
Schon für Kinder bleibt oft nach einem minimalen Schulbesuch der einzige Weg um zu Etwas zu kommen, der Weg über die Grenze, um illegal und oft ohne jedes Dokument im fernen „Johny“ (in Südafrika Joburg = Johannesburg) das große Glück zu suchen. Dort sind sie für jede billige Arbeit gut. Oft werden sie Opfer von Ausbeutung; Mädchen eine Beute des Prostitutionshandels.
Werden sie erwischt, so kommen sie in ein Lager, von wo sie nach 30 Tagen entweder an der Grenze der mosambikanischen Polizei übergeben werden, oder – falls sie Glück haben – ganz einfach auf freien Fuß gesetzt werden. Die Südafrikarückkehrer jeden Alters werden oft als suspekt für SIDA-Aids angesehen, und schon manche Verbindung (und Ehe) ging nach einer Rückkehr in die Brüche.
Zurück in Mosambik scheint es mir, ich lebe in einer anderen Welt. Vor gut zwei Monaten war ich mit meinem Mitbruder Kilian Frey in Seelisberg. Unser Mittagessen in einem populären Restaurant kostete 16 SFr. Hier in Mosambik lebt eine Familie eine ganze Woche vom gleichen Geld … Und dann lese ich, dass Oliver Kahn, Torhüter vom FC Bayern München, mit ADIDAS-Dress, erhält einen Monatslohn von 794.000 SFr. In Pakistan fertigen Kinder (in Kinder-Arbeit) ADIDAS-Bälle an. Ein ADIDAS-Ball mit 32 Lederteilen und 750 Nadelstichen! Das Kinder erhält für die Arbeit an einem ADIDAS-Ball ganze 13 Rappen! (Vgl. Wendekreis 2/05, S. 22). Ja, wir leben in einer sonderbaren Welt!
Zum Schluss: Herzlichen Dank und alles Gute, Euch und Euren Angehörigen! Sei für Euch das Weihnachtsfest der Geburtstag Jesu Christi! Und dann ein gesegnetes neues Jahr! Empfanget meine Grüße

 

 
 
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