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Bruder Dominic Helmboldt CMM schreibt:

Lae, am 17. September 2005
Liebe Mitbrüder, Verwandte, Wohltäter und Freunde,

nach langer Zeit mache ich mich wieder an einen Rundbrief, den ich gern mit „Als Hanseat im Busch“ überschrieben haette, doch ich denke ich lass das lieber.
Neben meiner Arbeit hier in Lae, in der Schule und der Pfarrei St. Michael’s, hatte ich die Möglichkeit für insgesamt sechs Wochen mit den Menschen im „Busch“, in Bema, zu sein. Hiervon möchte ich euch gern in diesem Brief berichten.
Alles begann mit P. Arnold, der mich, noch bevor ich ankam, als Computerexperte (was ich nicht bin) angepriesen hat. Im März kamen dann zwei Schwestern der Gemeinschaft der Schwestern vom Heiligen Joseph von Cluny (SJC) aus Bema nach Lae um einige Besorgungen zu machen. Sie lebten im Gästehaus der Kathedralpfarrei St. Mary’s und während der morgendlichen Kaffeerunde mit dem Bischof, den Mitbrüdern und den CPS-Schwestern (von Abt Franz Pfanner in Mariannhill (Südafrika) gegründete Gemeinschaft) fragte mich P. Arnold ob ich mit den Schwestern aus Bema losziehen
Die Gegend in Berna
Die Gegend in Berna
koennte, da sie einen Computer für ihre Schule kaufen müssen und wenig Ahnung davon haben. Gesagt, getan. Nachdem wir alles erledigt hatten, sagte eine der Schwestern, ich müsse jetzt aber nach Bema kommen um alles aufzubauen. Zuerst dachte ich, das wäre ein Scherz, doch sie meinte das ernst. Am 18. April machte ich mich also auf den Weg und blieb zwei Wochen. Vor einigen Wochen fragte mich Sr. Annette, ob es für mich ein Problem wäre, wieder zu kommen und so machte ich mich am 12. August zum zweiten Mal auf den Weg und kam nach einem Monat, am 12. September, zurück nach Lae.
Dies ist als die Vorgeschichte, nun zum – hoffentlich – interessanteren Teil.
Nachdem ich alle meine Sachen gepackt hatte, kam um sechs Uhr früh der Balus Bus, der mich für 20 Kina die 45 Kilometer zum Flughafen von Lae, Nadzab, brachte. Dort angekommen wartete ich einige Zeit (ungefähr drei Stunden) in der Lagerhalle der North Coast Aviation, einer Fluggesellschaft, die zwischen Lae und Kerema, der Hauptstadt der Gulf Provinz an der Südküste, fliegt.
Hier sei zu erwähnen, dass Bema nur per Flugzeug zu erreichen ist. Es gibt keine Straßenverbindung, das heißt, man könnte theoretisch mit dem PMV (Public Motor Vehicle) oder einem Lastwagen von Lae in Richtung Wau und Bulolo fahren. Bis dahin ist die Straße in einem annehmbaren Zustand. Von Wau weiter hängt alles davon ab, ob die Straße frei oder durch starken Regen oder Erdrutsche blockiert ist. Wenn sie frei ist kann man mit viel Glück bis Aseki fahren und sich von dort aus in einem 24 Stunden Fußmarsch durch Berge und Regenwald schlagen. Viele Einheimische tun dies, doch für einen Flachlandtiroler wie mich ist diese Option nicht besonders attraktiv.
Also flog ich; in einer kleinen zweimotorigen Propellermaschine die schon bessere Zeiten erlebt hat, und als einziger Passagier neben dem Piloten. Die Reise ging von Nadzab aus über das Markham Tal und von dort aus über den bergigen Regenwald, der die Insel von Neuguinea wie eine Wirbelsäule durchzieht. Nach etwa 45 Minuten Flug landeten wir auf dem Graslandeplatz in Kaintiba, einem kleinen Dorf mit einigen kleinen Läden, einer Krankenstation und einem Markt. Viele Leute warten an den Tagen, an denen ein Flugzeug angesagt ist, am airstrip und als wir landeten war das Flugzeug, sobald der Pilot die Propeller abgestellt hatte, umringt von Menschen, jung und alt. Ein Flugzeug bedeutet immer Neuigkeiten, besonders, wenn ein waitman mit dem Flugzeug ankommt, was nicht allzu häufig passiert. Am airstrip wartete ausserdem der Traktor, neben einem Motorrad das einzige funktionsfähige
Manche Gegenden in Papua Neuguinea erreicht man am besten mit dem Flugzeug
Manche Gegenden in Papua Neuguinea erreicht man am besten mit dem Flugzeug
Fahrzeug in der Umgebung, der mich nach Bema bringen sollte. Von Kaintiba aus ging es dann auf dem Anhänger mit meinem Gepaeck und Kargo auf einem matschigen und holprigen Pfad immer entlang der Berge durch Busch und Regenwald bis zur Missionsstation. Der Weg ist an vielen Stellen durch Erosion nur gerade so breit wie die Fahrspur des Traktors, daneben geht es dann steil abwärts, und die Schlaglöcher schütteln einen ganz schön durch. Da es anstrengender ist, sich eine Dreiviertelstunde am Rand des Anhängers festzukrallen, als zu laufen, war dies das einzige Mal, das ich mit dem Trecker (für Nichtbayern) mitgefahren bin. Von da an hab ich es vorgezogen die zwei Stunden nach Kaintiba (und zurück) zu laufen; tut mir gut und so hat man wenigstens was von der Szenerie und der Natur.
Die Missionsstation Bema ist erst in der Mitte der 1970er Jahre von einem französischen Priester der Herz-Jesu-Missionare (MSC) gegründet worden. Zehn Jahre zuvor waren die ersten weißen Missionare in dieses Gebiet gekommen. Neben einer Kirche und einer kleinen Krankenstation (die seit April dringend auf Medizin der Regierung wartet) ist das wichtigste in Bema die High School.
Die Schule begann mit der Vision eines Mannes, Amatine, der selbst nicht lesen und schreiben konnte. Im Jahr 1987 machte er dem damaligen Pfarrer Pat Harvey den Vorschlag, eine High School zu bauen, damit die Kinder der Umgebung die Möglichkeit hätten, eine Bildung zu erhalten und damit später als Lehrer und Krankenschwestern der Dorfgemeinschaft zu helfen. Der Pfarrer war zuerst nicht begeistert, doch nach langem hin und her stimmte er dem Plan zu. Die Verantwortlichen vom Bildungsministerium der Gulf Province in Kerema kamen eines Tages mit dem Helikopter um die Pläne zu begutachten. Als Amatine den Hubschrauber kommen hörte, rannte er mit Pfeil und Bogen und seiner Axt aus seiner Hütte und redete auf die Politiker in seiner Sprache, Kamea, auf sie ein. Später im Pfarrhaus fragten die Verantwortlichen ihn, wie er denn das Geld für die Schule auftreiben wolle. Er zog ein Bambusrohr hervor und legte 500 Kina auf den Tisch. Die Männer lachten ihn aus, doch er ging heim und organisierte ein großes Fest. Er schlachtete einige Schweine und eine Kuh und lud alle Leute aus der Umgebung ein. Von dem Gewinn konnte der Grundstein für Bema High School gelegt werden.
Heute besuchen etwa 175 Schüler die Schule in den Klassen 8, 9 und 10. Das Fächerangebot umfasst Englisch, Mathematik, Physik und Chemie, Sozialkunde, Landwirtschaft, Wirschaftskunde, Werken, Hauswirtschaft und Religion. Die meisten der Schüler wohnen im Internat in je einem großen Dormitorium für Jungen und Mädchen. Doch leider gibt es auch große Probleme.
Eines der größten Schwierigkeiten ist das liebe Geld. Da die Schule eine katholische Schule ist, bezahlt die Regierung nur sehr zögerlich (in diesem Jahr hat sie noch keinen Kina an Subventionen bezahlt) und da viele Schüler aus sehr armen Verhältnissen kommen, können sie nur einen Teil der fast K800 Schulgeld aufbringen. Ein Schüler bat mich um Unterstützung und er schrieb in seinem Brief, seine Familie sei „100% poor“, was für die meisten stimmt. Die Menschen in den Dörfern leben von ihren Gärten in denen sie Kaukau (Süßkartoffeln), Bananen und andere Gemüse anbauen. Falls sie etwas über haben, verkaufen sie es auf dem Markt. Andere verkaufen vielleicht Betelnuss oder Tabak auf
Der eigene Reisanbau entlastet die Haushaltskasse
Der eigene Reisanbau entlastet die Haushaltskasse
dem Markt. Daneben gibt es einige Kaffeebauern, die einen etwas besseren Lohn für ihre Arbeit bekommen (natürlich nicht mit dem Preis für den gerösteten und gemahlenen Kaffee im Laden zu vergleichen). Der größte Posten auf der Schulrechnung ist das Essen für die Schüler. Sie bekommen drei Mahlzeiten am Tag, meistens Reis, Dosenfisch oder Dosenfleisch, Kaukau und Grünzeug. Wegen der nicht vorhandenen Straßenverbindung, muss alles eingeflogen werden, jedes Kilo Reis, jede Dose Fisch, neben allem anderen. Die Fracht für ein Kilo Reis ist das dreifache des Preises für den Reis. Daher versuchen die Schüler zur Zeit ihren eigenen Reis zu pflanzen und zu ernten, mit Erfolg. Das einzige, das vor Ort gekauft werden kann ist Kaukau, Taro (eine Kartoffelart), Kochbananen und Kumu (ein essbares grünes Gewächs), doch da ergibt sich ein anderes Problem – Münzen. Die Frauen, die das Gemüse verkaufen, wollen nur Münzen. Sie weigern sich, Scheine anzunehmen, da sie glauben, Münzen seien mehr wert (weshalb auch immer) und sind besser aufzubewahren. Die Kina-Scheine sind zwar neuerdings aus einem bedruckten Plastik, denn das Papiergeld ist nicht sehr haltbar, besonders in diesem Klima und wer weiß wo die meisten Leute ihr Geld transportieren?! (Ich habe immer gedacht, Geld stinkt nicht, bin aber eines besseren belehrt worden). Die meisten vergraben das Geld oder bewahren es in ihrer Bambus-Bank, einem ausgehöhlten Bambusrohr, auf.
Da, wie schon erwähnt, die meisten Menschen einiges Gemüse in ihren Gaerten anbauen, ergibt sich das Problem der Mangelernährung. Für viele ist ein Schwein eine Langzeitgeldanlage, oft kann man Frauen oder Kinder mit einem Ferkel, das mit einem Seil aus Bananenfasern am Fuß angeleint ist, spazieren gehen sehen. Auf meinen Wanderungen habe ich oft einen Riesenschreck bekommen, wenn plötzlich eine Riesensau aus dem Busch geschossen kommt. Doch neben Schweinen und Hühnern gibt es wenig zu erlegen. Es gibt kein Wild oder grosse Tiere im Busch, nur Vögel und das ein oder andere Cuscus, ein wildes Baumkänguru. Oft sieht man Kinder mit einer Schleuder oder Pfeil und Bogen bewaffnet auf Vogeljagd. In den frühen Morgenstunden oder nach Dunkelheit ziehen einige Kinder mit langen Stöcken los um Motten, Käfer, Grillen und andere schmackhafte Insekten zu jagen. Diese verschwinden dann zwecks späteren Verzehrs im Bilum (einer Allzweck-Wolltasche, die zu fast allem benutzt werden kann – z.B. Gemüse- oder Kindertransport – und sich zu enormen Ausmaßen ausdehnen laesst). Eines Abends flog ein Riesenkäfer in meinem Schlafzimmer und ich erledigte es mit ein paar Sprühstößen aus der Insektiziddose. Am nächsten Morgen klopften einige Kinder an meine Tür und fragten mich, ob sie den Käfer haben könnten, der in meinem Fenster liegt. Ich fragte sie, was sie damit wollten und ein Junge antwortete mir: „Oh, Bruder, wir wollen den als Haustier und darauf aufpassen.“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf und antwortete: “Wie wollt ihr denn darauf aufpassen, der ist doch schon tot.“
Mein Provinzial, P. Anthony, sagte mir, bevor ich abflog, ich soll meinen Aufenthalt dort genießen, denn es ist eine Chance, das richtige PNG kennen zu lernen. Ich finde das stimmt. In Bema laufen viele ältere Leute noch mit tapacloth (einem aus Baumrinde gefertigten Umhang) und Grasrock (eigentlich ist Gras falsch, denn diese Röcke werden in dieser Gegend ebenfalls aus Baumrinde gemacht) herum und neben dem angenehmen Klima (ca. 10°C kühler als in Lae), keinem Dreck und Staub und vor allem keinen rascals und Überfällen (man kann dort mitten in der Nacht frei herumlaufen, was man in Lae besser nicht tut) ist es wirklich ein Ort zum Aufatmen und Entspannen.
Dank einer Quelle in den Bergen gibt es dort fließend Wasser (wenn es genug regnet) und die Elektrizität wird von einem hydroelektrischen Generator (ich hoffe, das ist das richtige deutsche Wort, in anderen Worten: H2O + Gefälle = Strom) geliefert, ebenfalls nur, wenn es genug regnet. Dann lässt es sich auch mit den kleinen Unannehmlichkeiten wie kein Telefon, kein Fernsehen, kein Radio (ausser Radio Australia auf Langwelle) und kein warmes Wasser gut leben.
Da ich ja schon von meinem Ruf erzählt habe, der einem bekanntlich vorauseilt, bat mich P. John Flynn von der Missionsstation Kanabea, etwa 25km Luftlinie von Bema entfernt, per Funk, doch seinen Drucker und Kopierer zu installieren. Kein Problem, ich machte mich also auf den Weg zum airstrip nach Kaintiba um nach Kanabea zu fliegen. Nachdem ich dort einige Zeit gewartet hatte, konnte ich mich wieder auf den zweistündigen Rückweg machen – alle Fluege wegen Überschwemmungen und starkem Regen in Lae gestrichen. Erster Versuch. Einige Tage später die selbe Prozedur; Bema – Kaintiba, Flug wegen schlammigem airstrip in Kanabea gestrichen – zurück nach Bema. Zweiter Versuch. Doch dreimal ist bekanntlich Bremer Recht, so machte ich mich wieder auf nach Kaintiba und nach einigen Stunden kam sogar das Flugzeug. Super, alles an Bord, und los ging der Flug durch die Berge und Wolken. Nach etwa 10 Minuten erreichten wir Kanabea, das auf 1800m liegt, nur um zu sehen, dass der Berg total mit Wolken bedeckt ist. Der Pilot flog einige abenteuerliche Schleifen (gut dass ich wenig gefrühstückt hatte) um vielleicht ein Loch in der Wolkendecke zu entdecken, in das er dann landen kann, Fehlanzeige. So ging es dann zurueck nach Kaintiba (ich dachte, der airstrip kommt mir aber bekannt vor). Schade, aber man kommt nicht alle Tage zu einem Freiflug. Da ich am 21.09. meine Profess erneuern werde, musste ich P. John sagen, dass ich es leider nicht schaffe zu kommen, denn wenn man nicht hinkommt, kommt man noch schwieriger wieder weg. Vielleicht hab ich im Oktober die Chance, we’ll see.

Ich denke es ist genug für jetzt und ich möchte euch auf diesem Wege, die Menschen und vor allem die Schule von Bema ans Herz legen und bitte um eure Unterstützung, gleich in welcher Form. Dafür schon im Voraus ein herzliches „Vergelt’s Gott“. Oder wie man in Tok Pisin sagt:
„Tenkyu tru, na mi pre long Bikpela Jisas Krais i ken givim yupela bel isi na laik bilong em na em i ken blesim yupela olgeta long helpim ol manmeri bilong Papua Niugini na Sios bilong em!“

 Spendenkonto: Missionare von Mariannhill, Liga Bank Würzburg, BLZ: 790 903 00,
Konto №: 3 017 605, Stichwort: „Br. Dominic, PNG (Strassenkinder oder Bema)“

 
 
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