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Die AIDS-Arbeit der kirchlichen Hilfswerke

Auszüge aus der Rede von Bischof Franz Kamphaus beim Besuch der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) am Freitag, 6. Mai 2005, in Eschborn

I. Ganzheitliches Vorgehen

Schon seit Anfang der 80er Jahre sind die deutschen katholischen Hilfswerke im Bereich HIV/AIDS
aktiv. Die neue Herausforderung wurde nicht einfach nur als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen, sondern im Rahmen der alltäglichen Arbeit angegangen. Sie wurde in die vorgegebene konkrete Aufgabenstellung vor Ort integriert:

  • im Gesundheitswesen,
  • in der Armutsbekämpfung,
  • in der Stärkung der Rolle der Frau,
  • im Einsatz für soziale Gerechtigkeit,
  • beim Aufbau der Selbsthilfe,
  • beim Einsatz für zivil-gesellschaftliche und kirchliche Organisationen,
  • in der pastoralen Arbeit.

Von Anfang stand daher die Arbeit der Hilfswerke unter der Prämisse, dass HIV/AIDS kein rein medizinisches Problem ist, sondern ganzheitlich angegangen werden muss. Andererseits wurde sehr schnell der Ruf laut nach einer größeren fachlich-medizinischen Kompetenz. So wurde auf Anregung von Misereor und der Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe vor zwanzig Jahren eine Arbeitsgruppe AIDS am Missionsärztlichen Institut in Würzburg geschaffen. Sie diente der fachlichen Beratung der Projektpartner und der Hilfswerke in Deutschland. Heute unterstützen alle katholischen Hilfswerke diese Arbeitsgruppe in Würzburg.

Die Hilfswerke merkten, dass Aids als weltweite Pandemie auch eine internationale Koordination der kirchlichen Arbeit erfordert. So kam es 1992 zur Gründung der AIDS Funding Network Group (AFNG). Die in dieser Gruppe zusammen arbeitenden Werke und Organisationen verpflichteten sich 1995 zu einem integrierten, ganzheitlichen Ansatz in der Arbeit. Sie informieren über Prävention, kümmern sich um die Opfer und leisten Lobby-Arbeit im In- und Ausland. Daneben sorgen sie sich um eine bessere Koordinierung der unterschiedlichen Akteure.

Die Option der kirchlichen Werke für einen integrierten Ansatz in der Aidsarbeit hatte zur Folge, dass an HIV/AIDS immer unter Einbeziehung der psychologischen, spirituellen, sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Aspekte wahrnahm. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu erkennen, dass Aids eine Querschnittsaufgabe darstellt in der Pastoralarbeit, in den Entwicklungsprojekten und in den humanitären Hilfsleistungen. Es geht nicht nur um eine der vielen Krankheiten. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sehr Aids bis heute in vielen Regionen der Welt tabuisiert wird. Die Stigmatisierung der Opfer macht deutlich, dass diese Krankheit tiefer greift als Malaria oder Typhus. Wesentliches Kennzeichen kirchlicher Hilfe ist daher auch, dass die Opfer selbst in die Arbeit einbezogen werden, um Ausgrenzung, Diskriminierung und Verdrängung abzubauen. Das fördert die Respektierung der einfachsten Menschenrechte und ist eine sehr wirksame Form der Prävention.

Ein Grundsatz der kirchlichen Arbeit ist die Förderung autonomer Partner. Die Hilfswerke wollen nicht selbst vor Ort aktiv werden, sondern dazu befähigen, den Kampf gegen Aids aufzunehmen. Es geht um dieErmutigung der Partner zum Engagement im AIDS-Bereich, um den Zugang zu fachlich kompetenter Beratung, um die Förderung des Süd-Süd-Austauschs und um eine internationale Koordinierung der Arbeit.

II. Kriterien kirchlicher Arbeit

Es lassen sich daher vier Minimal-Kriterien kirchlicher Projektarbeit im HIV/AIDS-Bereich benennen, die seit 1995 in die Richtlinien der Mitgliedsorganisation der AIDS Funding Network Group eingegangen sind und somit für mehr oder weniger alle katholischen Hilfswerke weltweit gelten:

1. Einhaltung der Menschenrechte. Die Arbeit erfolgt ohne Schuldzuweisung. Es gibt keine Diskriminierung in der Informationsweitergabe oder im Angebot von Dienstleistungen. Manchen von Ihnen wird die ABC-Methode bekannt sein. Kerninhalt diese Methode im Kampf gegen AIDS ist es, die Menschen auf drei Verhaltensweisen im Sexualbereich zur Prävention einer HIV-In-fektion hinzuweisen. A = Abstinence/Enthaltsamkeit, B = Be faithful /Treue, C = Condoms oder katholisch für Consci-ence/Gewissen bzw. Choice/Wahl. In katholischen Institutionen wird heute (in der Regel) über alle Infektionsmöglichkeit und den möglichen Schutz informiert. Ob der Einzelne zum Kondom greift, ist seine Entscheidung (C = choise/conscience). Nicht auf Kondome zu verweisen, wäre ein unethisches Vorenthalten von Informationen. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass in vielen säkularen Einrichtungen nicht auf die Möglichkeit von Enthaltsamkeit und Treue als Aids-Prävention hingewiesen wird. Hier wird den Menschen dann auch eine Information vorenthalten, die ihr Leben schützen kann. Treue ist der sicherste Weg.

2. Die Projekte müssen die Selbsthilfe der Zielgruppen im Umgang mit den Ursachen und Auswirkungen der Epidemie in den Fordergrund rücken.

3. Es müssen messbare Angaben für Ziele und Maßnahmen angegeben werden, um eine Effizienzkontrolle zu ermöglichen. Es werden nur Projekte gefördert, deren Ansatz auf wissenschaftlich anerkannten Informationen basiert.

4. Die Projekte müssen in eine enge Koordinierung mit bestehenden Maßnahmen im Entwicklungsbereich, im Gesundheitswesen u. ä. eingebunden sein. Isolierte HIV/AIDS-Projekte werden nicht gefördert.

Es entspricht dem Verständnis des partnerschaftlichen Miteinanders unserer Hilfswerke, zur Projektförderung in den Partnerländern nicht nur Finanzmittel beizutragen. Die sind Ausdruck eines solidarischen Miteinanders in einer Kirche, die immer auch Solidargemeinschaft ist. In einer Weltkirche sollte die eine Ortskirche um die Nöte der anderen wissen. Darum ist Bildungs-, und Öffentlichkeits-Arbeit im Inland im Bereich HIV/AIDS eine weitere Komponente der Arbeit der Hilfswerke.

III. Die Kondomfrage

Beim Thema HIV/AIDS steht die katholische Kirche in der Öffentlichkeit meist unter einem Generalverdacht.Die Kirche verbietet Kondome. Kondome schützen vor Aids. Folglich behindert die Kirche den wirksamen Schutz vor Aids, ja sie begünstigt sogar die Verbreitung der Krankheit und ist damit für massenhaftes Leid und Elend verantwortlich.

Zu dieser Kette wäre manches zu sagen und vieles zu erklären. Ich will den kritischen Anfragen auch gar nicht ausweichen. Die Engführung der Aidsthematik auf die Kondomfrage geht - das ist nach beiden Seiten hin zu sagen - an den Lebenswirklichkeiten der Menschen vorbei. Sie zeugt von einer rein technischen, westlichen Sicht der Dinge, die die kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Kontexte vieler Menschen nicht berücksichtigt. Die sind aber die zentralen Ursachen der Epidemie. Wer sie außer Acht lässt, kann Aids nicht wirksam bekämpfen. Die gesellschaftlichen und sozialen Gegebenheiten sind es nämlich, die junge Mädchen in die Prostitution treiben, die Väter auf der Suche nach Arbeit oft jahrelang von ihren Familien trennen, die sexuelle Gewalt fördern und sexuelle Selbstbestimmung gerade auch der Frauen verhindern. Hier gilt es anzusetzen, will man langfristig und wirksam den Kampf gegen Aids führen und gewinnen. Kondome allein helfen da nicht. Sie sind kein Allheilmittel. Sie können sogar das Verhalten in gefährlichen Verhaltensmustern fördern. Nur durch eine umfassende Sicht der Krankheit und ihrer Verbreitungsursachen kann Aids begegnet werden. Dabei wird man nicht um die Frage der sexuellen Verhaltensweisen herum kommen. Wenn es nicht gelingt, das Verhalten der Menschen dahingehend zu verändern, dass sie ihre Sexualität reflektiert, selbstbestimmt und würdig leben, wird sich Aids weiter ausbreiten. Zudem: Aids ist eine Krankheit der Armen. Im reichen Norden sterben immer weniger Menschen an Aids, weil die medikamentöse Versorgung besser ist. Für die Menschen im Süden sind die Medikamente oft unerschwinglich, weil Pharmakonzerne auf ihre Patentrechte pochen und Gewinneinbußen befürchten. Die Deutsche Kommission Justitia et Pax hat zusammen mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) die Schrift „Grundlagen für konzentrierte Maßnahmen gegen HIV/AIDS-Pandemie“ publiziert...