HUNGER IM ÜBERFLUSS - EIN SKANDAL DER MENSCHHEIT
Armut ist bitter. Elend unmenschlich. Dass jeden Abend etwa eine Milliarde Menschen in einer Welt des Überflusses hungrig zu Bett gehen ist ein himmelschreiender Skandal. Menschen, die diesen Skandal nicht hinnehmen wollen, sehen in den Prinzipien der Ernährungssouveränität einen Weg, den Hunger in der Welt effektiv zu reduzieren und den Bauern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Nahrung ist das erste und fundamentalste Grundbedürfnis des Menschen. Was Hunger ist, können sich Menschen, die im Überfluss leben, trotz der vielen Bilder verhungerter Kinder nicht vorstellen: der dauernde Schmerz des Magens, der nach Nahrung schreit; Kinder, die in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung verkümmern; die Reduzierung aller menschlichen Fähigkeiten auf das eine Verlangen nach Nahrung, das alles andere dominiert.
Hunger ist ein Skandal, eine permanente Anklage gegen unsere globale Gesellschaft, gegen unsere Wirtschaftsordnung, die sich an Profitmaximierung und nicht mehr an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Das Problem der Industriestaaten ist nicht ein Mangel an Nahrungsmittel, sondern Märkte für landwirtschaftliche Überschüsse zu finden. Die Hungernden haben aber nicht das Geld, diese Überschüsse zu kaufen. Und so zahlen die reichen Länder an Bauern, damit sie nicht produzieren und geben Unsummen aus, die Gesundheitsschäden durch zuviel Essen zu bekämpfen.
Skandalös und unbegreiflich ist, dass grade der Teil der Bevölkerung, der die Nahrung produziert, hungert. Es ist die ländliche Bevölkerung, die Bauern, vor allem die Frauen und Kinder, die Opfer von Armut und Hunger sind. Sie produzieren Futtermittel für das Vieh der Industrieländer und würden gerne ihren Hunger stillen mit dem Futter von Schweinen stillen, aber niemand gibt es ihnen (cf. Lk 15).
Die Ursachen des Hungers sind vielfältig: - Ein weltweites Heer von landlosen Bauern hat keinen Zugang zu den notwendigen Ressourcen. Land und Wasser sind unter der Kontrolle großer oft transnationaler Unternehmen, die kommerziell für den Weltmarkt, aber nicht für die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung produzieren.
- Schuld daran, dass nicht für die eigenen Bedürfnisse, sondern für den Export produziert wird, ist u.a. die Schuldenlast vieler Länder. Auslandsschulden müssen in harten Währungen bezahlt werden, die man nur durch Exporte verdienen kann.
- Die Natur und die Umwelt, von der Bauern abhängig sind, verschlechtern sich. Die Klimaveränderung verursacht extreme Wetterlagen, Dürren und Überschwemmungen. Übernutzung, Erosion, exzessiver Gebrauch von Pestiziden und Kunstdünger verringern die natürliche Fruchtbarkeit der Böden.
- Die Verbreitung gen-veränderten Samenguts macht Kleinbauern abhängig von den Lizenzgebühren weniger Saatgutfirmen und unterbindet den traditionellen Austausch von lokal angepasstem Saatgut.
- Kriege und Konflikte verhindern die landwirtschaftliche Produktion. Marodierende Milizen stehlen die letzten Vorräte. Die Unsicherheit treibt die ländliche Bevölkerung in die Städte.
- Die Dumpingpolitik der Industriestaaten zerstört die lokalen Märkte der Bauern mit subventionierten Billigprodukten. Die Unfähigkeit, die eigene Familie zu ernähren, führt zu Landflucht, Verstädterung und einer menschenunwürdigen Existenz in den Slums explodierender Großstädte.
- Wo die Bevölkerung schneller wächst als die Produktion wachsen auch Armut und Hunger. Immer mehr Menschen müssen sich die begrenzten Ressourcen teilen. Der Kampf um die Ressourcen wird härter, die Verteilung ungerechter.
Die Mechanisierung und Kommerzialisierung der Landwirtschaft und später die grüne Revolution schien eine Zeit lang eine Antwort auf den Skandal des Hungers zu geben. Aber langfristige Umweltschäden zeigen die Grenzen der Produktivitätssteigerung. Das Elend der land- und arbeitslos gewordenen Massen, die in einer automatisierten Industrie keine Arbeit finden, wird zu einer sozialen Zeitbombe. Dass eine einfache Verteilung von Nahrungsmitteln keine langfristige Lösung ist, ist die Erfahrung aller humanitären Hilfsaktionen. Ein Weg muss gefunden werden, dass Menschen ihr eigenes Brot mit Würde verdienen.
Die große Herausforderung der Zukunft ist es, die Dynamik eines freien Marktes mit langfristiger Bewahrung der Umwelt und einer sozialen Gerechtigkeit für alle in Einklang zu bringen, eine öko-soziale Marktwirtschaft zu schaffen. |
Jeden Abend gehen eine Milliarde Menschen hungrig ins Bett.
Hunger ist eine permanente Anklage gegen unsere Gesellschaft.
Grade der Teil der Bevölkerung, der die Nahrung produziert, hungert.
Es gibt viele Gründe, warum so viele Menschen hungern.
Ein Konzept derer, die auf der Schattenseite der Globalisierung gelandet sind, heißt Ernährungssouveränität.
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